Wenn Sport krank macht: Vorhofflimmern bei Leistungssportlern

Vorhofflimmern tritt vermehrt bei Ausdauerathleten im Hochleistungssport auf.1 Wir haben für Sie den aktuellen Kenntnisstand zusammengefasst und stellen Möglichkeiten für das Management von Vorhofflimmern bei Athleten vor.

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Sportler weisen eine geringere Prävalenz für die allgemeinen VHF-Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Fettleibigkeit oder die koronare Herzkrankheit auf.1 Dennoch tragen langjährige Ausdauerathleten ein rund fünffach höheres Lebenszeitrisiko für Vorhofflimmern (VHF) als Personen mit einem bewegungsarmen Lebensstil.1 Besonders häufig entwickeln Athleten das idiopathische belastungsinduzierte VHF.1, 2

Risikofaktoren für belastungsinduziertes VHF

Metaanalysen identifizieren folgende Risikofaktoren für das Auftreten von VHF bei Athleten:1, 2

  • männliches Geschlecht
  • mittleres Alter (< 60 Jahre)
  • Ausdauersport
  • große Statur
  • mehr als zehn Jahre anspruchsvolles Ausdauertraining2 mit einer Trainingsdauer von 1.500 bis 2.000 Stunden im bisherigen Leben1

Was macht das Sportlerherz anfällig für VHF?

Der Pathomechanismus der Entstehung von belastungsinduziertem VHF ist komplex und noch nicht abschließend verstanden.2 Vermutlich handelt es sich dabei um ein Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren. Dazu zählen

  • vermehrte ektope Foci in den Pulmonalvenen,
  • Veränderungen am Substrat (linker Vorhof), zum Beispiel Vorhofdehnung oder Fibrose,
  • ein erhöhter Vagotonus,
  • vermehrte entzündliche Aktivität im Bereich des Myokards,
  • äußere Einflüsse, wie Alkohol, Amphetamine, anabole Steroide oder Betasympathomimetika,
  • ein gastroösophagealer Reflux und
  • genetische Faktoren.1-3

Die erhöhte Vorhofdehnung ist eine mögliche Ursache für das Entstehen einer atrialen Fibrose bei Athleten.2 Dazu kommen Entzündungsreaktionen und oxidativer Stress während des Trainings sowie eine unvollständige Erholung des Gewebes zwischen den Trainingseinheiten.2

Das richtige Maß ist entscheidend

Antiarrhythmische und proarrhythmische Effekte des Sports beeinflussen die Gesundheit des Athleten. Auch das Alter, das Vorhandensein kardiovaskulärer Risikofaktoren und die genetische Prädisposition haben einen Einfluss.2, 4 Jeder Athlet sollte daher versuchen, sein Training in Bezug auf seine Risikofaktoren ausgewogen zu gestalten, damit die proarrhythmischen Effekte des Sports nicht überwiegen. Abbildung 1 veranschaulicht das Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren.

Abbildung 1: Faktoren, die die Balance zwischen antiarrhythmischen und proarrhythmischen Effekten von körperlicher Aktivität beeinflussen (modifiziert nach Guasch et al. 2018)2

Katheterablation ist aktuell die Therapie der ersten Wahl

Eine Reduktion des Trainingspensums ist eine Möglichkeit, ein belastungsinduziertes VHF zu verbessern. Dies kommt aber nicht für jeden infrage. Eine medikamentöse antiarrhythmische Therapie ist bei Athleten allerdings sehr komplex, da zum Beispiel Betablocker aufgrund der verstärkten Bradykardieneigung von Sportlern häufig schlecht vertragen werden. Zudem vermindern sie die körperliche Leistungsfähigkeit und stehen teilweise auf Dopinglisten.3-5 Klasse-I-Antiarrhythmika können dagegen aufgrund der frequenzabhängigen Natriumkanalblockade das Proarrhythmierisiko erhöhen.4, 5 Grundsätzlich sollte unter Berücksichtigung des erhöhten Schlaganfallrisikos durch VHF eine Antikoagulation erwogen werden.1 Antikoagulierte Athleten sollten aber aufgrund des erhöhten Blutungsrisikos von intensiven Kontaktsportarten Abstand nehmen.1, 4

Vor diesem Hintergrund ist für aktive Athleten häufig die Katheterablation die Therapie der Wahl.4, 5 Nach einer Ablation kann ein Athlet gewöhnlich nach zwei bis zwölf Wochen das Training wieder aufnehmen.1

Welche Faktoren beeinflussen das Trainingspensum?

Im Allgemeinen müssen Athleten keine Abstriche in ihrem Trainingspensum machen, wenn

  1. durch eine pharmakologische oder nichtpharmakologische Therapie keine VHF-Symptome vorhanden sind,
  2. das thromboembolische Risiko gering ist (CHA2DS2VASc < 2)*,
  3. die Herzstruktur und -funktion normal sind und
  4. die Herzfrequenz auch unter Belastung angemessen ist.1

*Mit dem CHA2DS2-VASc-Score kann das Thrombembolie-Risiko bei Patienten mit Vorhofflimmern anhand von Risikofaktoren in der Anamnese (CHADS = Cardiac failure, Hypertension, Age, Diabetes, Stroke) abgeschätzt werden. Bei einem erhöhten Schlaganfallrisiko (CHA2DS2-VASc-Score ≥2 bei Männern bzw. Score ≥3 bei Frauen) wird aktuell eine orale Antikoagulation empfohlen.

Quellen:

  1. Raju H, Kalman JM. Management of Atrial Fibrillation in the Athlete. Heart Lung Circ 2018; 27: 1086-1092. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29861323
  2. Guasch E, Mont L, Sitges M. Mechanisms of atrial fibrillation in athletes: what we know and what we do not know. Neth Heart J 2018; 26: 133-145. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29411287
  3. Müssigbrodt A RS, Hindricks G, Bollmann A. Vorhofflimmern bei Ausdauersportlern. Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 2010; 61: https://www.germanjournalsportsmedicine.com/fileadmin/content/archiv2010/heft09/uebersicht_Muessigbrodt.pdf
  4. Pelliccia A, Sharma S, Gati S et al. 2020 ESC Guidelines on sports cardiology and exercise in patients with cardiovascular disease: The Task Force on sports cardiology and exercise in patients with cardiovascular disease of the European Society of Cardiology (ESC). European Heart Journal 2020: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehaa605
  5. Stiefelhagen P. MMW – Fortschritte der Medizin (2017) 159: 18. https://doi.org/10.1007/s15006-017-9681-7.

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