Herzgesundheit von Ärzten: Alles im Griff?

Warum fallen kardiovaskuläre Risikofaktoren, wie Hypertonie und Rauchen, bei Medizinern weniger schwer ins Gewicht als bei der Allgemeinbevölkerung? Kanadische Wissenschaftler fanden dafür nun interessante Erklärungsansätze.

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Ärzte stehen im Berufsalltag vor zahlreichen Anforderungen. Da kann die eigene Gesundheit manchmal auf der Strecke bleiben. Dennoch müssen Mediziner nicht häufiger wegen Herz- oder Gefäßerkrankungen ins Krankenhaus als ihre übrigen Mitbürger – im Gegenteil.1

Das zeigt ein Vergleich der Daten von 17.071 praktizierenden Ärzten mit den Daten von über 5,3 Millionen Personen aus der Allgemeinbevölkerung. Alle waren zum Stichtag 1. Januar 2008 zwischen 40 und 75 Jahre alt und bis dato nicht aufgrund von Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz sowie Revaskularisation stationär behandelt worden. Sämtliche Gesundheitsdaten stammten aus der CANHEART-Kohorte, die aus fast zehn Millionen erwachsenen Einwohnern der kanadischen Provinz Ontario besteht.1

Weniger kardiovaskuläre Erkrankungen bei Ärzten

Im Beobachtungszeitraum von acht Jahren waren die Ärzte seltener von kardiovaskulären Ereignissen betroffen als die Allgemeinbevölkerung:1

  • In der Summe traten bei den Medizinern pro 1.000 Patientenjahre 4,4 und in der Allgemeinbevölkerung 7,1 kardiovaskuläre Ereignisse auf. Auch nach der Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, sozioökonomischem Status und kardiovaskulären Risikofaktoren lag das Risiko bei den Medizinern insgesamt um 22 % niedriger als bei den Nichtmedizinern (Hazard Ratio [HR] = 0,78, 95-%-Konfidenzintervall [KI] = 0,72–0,85).
  • Das Risiko für ein tödliches kardiovaskuläres Ereignis war bei den Ärzten um 55 % geringer (HR = 0,45, 95-%-KI = 0,35–0,58).
  • Das Risiko für einen Herzinfarkt lag 32 % niedriger (HR = 0,68, 95-%-KI = 0,58–0,78).
  • Und das Schlaganfallrisiko war um 27 % reduziert (HR = 0,73, 95-%-KI = 0,60–0,89).

Ärzte sind gesünder

Dazu passt, dass der Anteil der Personen mit relevanten Risikofaktoren unter den Ärzten geringer war als unter den übrigen Einwohnern Ontarios:1

  • Mediziner litten seltener unter Lungenerkrankungen, wie Asthma und COPD, sowie unter Bluthochdruck, Diabetes oder zu hohen Cholesterinwerten.
  • Außerdem waren sie häufiger Nichtraucher.

Risikofaktoren erklären nicht alles

Wie erwartet, erhöhten Diabetes, Hypertonie und Rauchen zwar das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse – bei den Ärzten im Fall der letzten beiden Faktoren jedoch in deutlich geringerem Maße (HR für Hypertonus = 1,22 [95-%-KI = 0,98–1,52] vs. 1,50 [95-%-KI = 1,48–1,52], p = 0,03; HR für Rauchen = 1,11 [95-%-KI = 0,81–1,51] vs. 1,50 [95-%-KI = 1,47–1,54], p = 0,049).1 Das spricht nach Ansicht der Autoren dafür, dass Ärzte sich der Risikofaktoren stärker bewusst sind und sie diese entsprechend vermeiden oder kontrollieren.1

Interessanterweise trat bei den Ärzten, anders als es die Hypertonierate erwarten ließ, häufiger Vorhofflimmern auf. Die Autoren vermuten, dass die Ärzte womöglich stärker auf Symptome achten und dadurch früher eine entsprechende Diagnose erhalten.1

Ärzte gehen schneller zum Spezialisten

Regelmäßige Gesundheitschecks nahmen nur 58,9 % der Ärzte wahr – gegenüber 67,9 % der Allgemeinbevölkerung. Zudem schienen sie bei Beschwerden nicht – wie sonst üblich – zuerst zum Hausarzt, sondern lieber direkt zum Spezialisten zu gehen:1

  • Während im Untersuchungszeitraum 88,1 % der Ärzte einen hausärztlichen Kollegen konsultierten, waren es bei den übrigen Landsleuten 93,6 %. Für den Besuch beim Spezialisten kehrte sich das Verhältnis um.
  • Rund ein Viertel der Ärzte besuchte dabei auch einen Kardiologen – gegenüber einem Fünftel in der restlichen Bevölkerung.

Diese Differenzen wurden übrigens bei Männern besonders offenbar. Zwischen Ärztinnen und weiblicher Bevölkerung lagen die Quoten zwar meist ebenfalls signifikant, aber weniger weit auseinander.

Fazit

Ärzte haben ein geringeres Risiko für schwere akute kardiovaskuläre Erkrankungen. Dies erklärt sich zum einen durch eine geringere Prävalenz von Risikofaktoren. Zudem scheinen diese Risikofaktoren im Gegensatz zur Allgemeinbevölkerung bei Ärzten weniger negative Auswirkungen zu haben.

 

Herzgesundheit: die verschiedenen Fachgebiete im Vergleich

Der Faktor „Arztsein“ senkt der Untersuchung zufolge das Risiko für schwere akute Herzerkrankungen. Allerdings fanden die Autoren der Studie verschiedene Inzidenzraten bei den unterschiedlichen medizinischen Disziplinen.1 Am seltensten traten kardiovaskuläre Ereignisse bei Pädiatern auf (Inzidenzrate: 3,0/1.000 Personenjahre), am häufigsten bei chirurgisch tätigen Ärzten (5,4/1.000 Personenjahre). Kardiologen, Internisten und Hausärzte lagen mit 4,5–4,6 Erkrankungsfällen/1.000 Personenjahre im Mittelfeld.1

Quellen:

  1. Ko DT et al. Comparison of Cardiovascular Risk Factors and Outcomes Among Practicing Physicians vs the General Population in Ontario, Canada. JAMA Network Open. 2019; 2(11): e1915983; unter: https://jamanetwork.com/journals/jamanetworkopen/fullarticle/2755863 (abgerufen am 01.03.2022)

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