Groß angelegte Studie räumt mit dem Mythos vom harmlosen Übergewicht auf

Schon ein paar Kilos zu viel erhöhen das kardiovaskuläre Risiko. Schottische Wissenschaftler fanden heraus, dass das geringste Herz-Kreislauf-Risiko bei einem BMI von 22 bis 23 kg/m2 liegt. Bei höheren Werten steigt das Risiko an.1

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Einerseits belegen viele Studien die negativen Auswirkungen eines hohen BMI (Body-Mass-Index) auf das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Krebs und Gesamtmortalität.1, 2 Andererseits geistert seit Jahren immer wieder das sogenannte Übergewichtsparadoxon durch die Literatur. Es besagt, dass Übergewicht und selbst Adipositas keinen Effekt auf die kardiovaskuläre Mortalität und auf die Gesamtmortalität haben oder sogar protektiv wirken sollen – und zwar insbesondere bei älteren Menschen und bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit oder einigen anderen schweren Erkrankungen.1, 3 Was stimmt denn nun? Forscher der Universität Glasgow präsentierten nun Daten aus einer großen Kohortenstudie, die gegen das Übergewichtsparadoxon sprechen.1

Daten von knapp 300.000 Europäern analysiert

Ziel des Forscherteams war es, bei Probanden ohne kardiovaskuläre Erkrankungen Zusammenhänge zwischen dem BMI und weiteren Parametern wie Taillenumfang, Waist-to-Hip-Ratio und prozentualem Körperfettanteil einerseits und kardiovaskulären Outcomes andererseits zu untersuchen.1

Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler die Daten von fast 300.000 Frauen und Männern aus – allesamt hellhäutige Europäer. Bei Aufnahme in die Studie (2006 bis 2010) waren die Probanden zwischen 40 und 69 Jahre alt und frei von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Nachbeobachtungszeit erstreckte sich bis 2015 und betrug im Durchschnitt 5 Jahre. Der primäre Endpunkt waren letale und nichtletale kardiovaskuläre Ereignisse.1

Optimal: BMI zwischen 22 und 23 kg/m2

  • Das geringste kardiovaskuläre Risiko wiesen Studienteilnehmer mit einem BMI von 22 bis 23 kg/m21
  • Ein niedriger BMI (≤ 18,5 kg/m2) war dagegen mit einer höheren Inzidenz an Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert.1
  • Ebenso stieg das Risiko bereits ab einem BMI > 23 kg/m2 an: Eine Zunahme des BMI um eine Standardabweichung (5,2 kg/m2 bei Frauen bzw. 4,3 kg/m2 bei Männern) erhöhte die Gefahr für kardiovaskuläre Probleme um jeweils 13 %.1

Auch der Bauchumfang erwies sich als aussagekräftiger prognostischer Parameter. Ein Taillenumfang von 74 cm bei Frauen beziehungsweise 83 cm bei Männern korrespondiert mit einem BMI von 22 kg/m2. Pro Zunahme des Bauchumfangs um eine Standardabweichung (12,6 cm bei Frauen bzw. 11,4 cm bei Männern) stieg das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen um 16 % bei Frauen beziehungsweise um 10 % bei Männern.1

Schlank und herzgesund bleiben!

Die schottische Studie ist somit ein weiterer Beleg dafür, dass Übergewicht das kardiovaskuläre Risiko von Frauen und Männern mittleren Alters erhöht. Mit der falschen Vorstellung, Fett könne möglicherweise vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, sollte nach Ansicht der Autoren gründlich aufgeräumt werden. Stattdessen sollte jeder versuchen, sein Gewicht möglichst im empfohlenen Bereich zu halten, um sein kardiovaskuläres Risiko zu senken.1

Ethnische Zugehörigkeit anscheinend von großer Bedeutung

Die Autoren der vorgestellten Studie beschränkten die Analyse bewusst auf hellhäutige Europäer, da die ethnische Zugehörigkeit den Zusammenhang zwischen Adipositas und vaskulärer Gesundheit verändert.1, 2 So zeigen Studien, die diese Beschränkung nicht vornehmen, dass das Übergewichtsparadoxon in manchen Fällen doch wahr sein kann:4, 5

  • ­   In einer aktuellen Metaanalyse, die die Ergebnisse aus 24 Studien mit insgesamt gut 300.000 Teilnehmern aus Amerika, Asien, Australien und Europa zusammenfasst, kommen die Autoren zu dem Ergebnis, dass übergewichtige Personen im Vergleich zu normalgewichtigen Patienten nach einem Herzinfarkt eine geringere Sterblichkeitsrate aufweisen.4
  • ­   Und auch eine Studie mit Erwachsenen aus Südchina zeigt eine niedrigere Gesamtmortalität für Personen mit moderater Adipositas im Vergleich zu Normalgewichtigen.5

Quellen:

  1. Iliodromiti S et al. The impact of confounding on the associations of different adiposity measures with the incidence of cardiovascular disease: a cohort study of 296 535 adults of white European descent. Eur Heart J 2018;39:1514–1520; unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29718151 (abgerufen am 25.05.2022).
  2. Global BMIMC et al. Body-mass index and all-cause mortality: individual-participant-data meta-analysis of 239 prospective studies in four continents. Lancet 2016;388: 76–786; unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27423262 (abgerufen am 25.05.2022).
  3. Flegal KM et al. Association of all-cause mortality with overweight and obesity using standard body mass index categories: a systematic review and meta-analysis. JAMA 2013;309:71–82; unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23280227 (abgerufen am 25.05.2022).
  4. De Paola L et al. Body Mass Index and Mortality, Recurrence and Readmission after Myocardial Infarction: Systematic Review and Meta-Analysis. J Clin Med 2022;11 (9):2581; unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35566707/ (abgerufen am 25.05.2022).
  5. Hu F et al. Association Between Body Mass Index and All-Cause Mortality in a Prospective Cohort of Southern Chinese Adults Without Morbid Obesity. Front Physiol 2022;13:857787; unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35547579/ (abgerufen am 25.05.2022).

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