ELDERCARE-AF: Antikoagulation mit Edoxaban bei hochbetagten VHF-Patienten

Viele betagte VHF-Patienten kommen aufgrund ihres Risikoprofils nicht für eine standardmäßige orale Antikoagulation infrage. Daher wurde jetzt in einer Phase-III-Studie der Einsatz des NOAK-Wirkstoffs Edoxaban mit niedrigerer Dosierung bei dieser Patientengruppe untersucht.1

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Das Wichtigste in Kürze

  • Hochbetagte VHF-Patienten können von einer niedrig dosierten oralen Antikoagulation mit Edoxaban profitieren.1
  • Das Schlaganfallrisiko konnte in dieser Patientengruppe im Vergleich zum Placebo um zwei Drittel gesenkt werden.1
  • Starke Blutungen traten unter Edoxaban häufiger auf als unter dem Placebo – der Unterschied war allerdings nicht signifikant.1
  • Zwar war das Risiko für gastrointestinale Blutungen unter der Antikoagulation im Vergleich zum Placebo erhöht – nicht aber das Mortalitätsrisiko.1

Viele hochbetagte Menschen mit Vorhofflimmern (VHF) werden unter anderem wegen ihres erhöhten Blutungsrisikos als ungeeignet für eine orale Antikoagulation eingestuft – und damit wiederum einem erhöhten Schlaganfallrisiko ausgesetzt. Die aktuell im New England Journal of Medicine veröffentlichte Phase-III-Studie ELDERCARE-AF ist die erste Studie, die ein Nicht-VKA orales Antikoagulans (NOAK) mit dieser Klientel untersuchte. Dabei stand das NOAK Edoxaban im Mittelpunkt.1

Studiendesign

ELDERCARE-AF wurde in Japan durchgeführt. In die Studie waren 984 VHF-Patienten eingeschlossen, die 80 Jahre alt oder älter waren und einen CHADS₂-Score ≥ 2 hatten. Außerdem mussten die Patienten für die Therapie mit einem oralen Antikoagulans (d. h. Warfarin, Dabigatran, Rivaroxaban, Apixaban oder Edoxaban) ungeeignet sein – und zwar aufgrund

  • einer niedrigen Kreatinin-Clearance (15 bis 30 ml pro Minute),
  • einer Vorgeschichte von Blutungen,
  • einem niedrigen Körpergewicht (≤ 45 kg),
  • der kontinuierlichen Verwendung von nichtsteroidalen entzündungshemmenden Medikamenten (NSAIDs) und/oder
  • der aktuellen Verwendung eines Thrombozytenaggregationshemmers.1

Die Teilnehmer wurden in zwei Gruppen randomisiert und erhielten entweder eine tägliche Dosis von 15 mg Edoxaban (492 Patienten) oder ein Placebo (492 Patienten). Der primäre kombinierte Wirksamkeitsendpunkt war das Auftreten eines Schlaganfalls oder einer systemischen Embolie. Der primäre Sicherheitsendpunkt war eine starke Blutung gemäß der Definition der Internationalen Gesellschaft für Thrombose und Hämostase.1

Patientencharakteristika

Die Studienteilnehmer waren mit einem Durchschnittsalter von 86,6 ± 4,2 Jahren sehr alt, hatten ein niedriges durchschnittliches Körpergewicht (50,6 ± 11,0 kg) und eine verminderte Nierenfunktion (mittlere Kreatinin-Clearance 36,3 ± 14,4 ml pro Minute). Insgesamt wurden 40,9 % der Patienten als gebrechlich eingestuft. 423 Patienten (43 %) hatten früher schon einmal eine orale Antikoagulationstherapie erhalten. Die mittlere Dauer der Studienteilnahme betrug 466 Tage (Interquartilsabstand 293,5 bis 708,0 Tage).1

Weniger Schlaganfälle, mehr Blutungen

Von den ursprünglich 984 VHF-Patienten beendeten 681 Patienten die Studie, 303 brachen ab (158 zogen sich zurück, 135 starben und zehn hatten andere Gründe). In beiden Gruppen war die Zahl der Abbrecher ähnlich hoch (151 Abbrecher in der Edoxaban-, 150 in der Placebogruppe, zwei vor der ersten Einnahme).1

Die Ergebnisse im Einzelnen:

  • Die annualisierten Raten für Schlaganfälle oder systemische Embolien waren in der Edoxabangruppe mit 2,3 % signifikant niedriger als in der Placebogruppe (6,7 %) (Hazard Ratio (HR): 0,34; 95-%-Konfidenzintervall [95-%-KI]: 0,19–0,61; p < 0,001).
  • Bei den annualisierten Raten für schwere Blutungen war es umgekehrt: In der Edoxabangruppe traten diese fast doppelt so häufig auf wie in der Placebogruppe – wenn auch keine Signifikanz erreicht wurde (3,3 % versus 1,8 %; HR: 1,87; 95-%-KI: 0,90–3,89; p = 0,09).1

Gastrointestinale Blutungen traten deutlich häufiger in der Edoxabangruppe als in der Placebogruppe auf (2,3 % versus 0,8 %; HR: 2,85; 95-%-KI: 1,03–7,88). Die Mortalitätsrate war ähnlich (9,9 % in der Edoxabangruppe und 10,2 % in der Placebogruppe; HR: 0,97; 95-%-KI: 0,69–1,36).1

Informationen zu LIXIANA® (Wirkstoff Edoxaban)²

  • Edoxaban gehört zu den Nicht-VKA oralen Antikoagulanzien (NOAKs).
  • Indikation: Prophylaxe von Schlaganfällen und systemischen Embolien bei VHF
  • Standarddosierung: 60 mg Edoxaban einmal täglich
  • Dosisreduktion auf 30 mg täglich bei mäßig oder stark eingeschränkter Nierenfunktion (Kreatinin-Clearance (CrCl) 15–50 ml/min), geringem Körpergewicht (≤ 60 kg) oder gleichzeitiger Anwendung der P-Glykoprotein(P-gp)-Inhibitoren Ciclosporin, Dronedaron, Erythromycin oder Ketoconazol

Warum Placebo?

Den Autoren zufolge wurde ein Placebo als Vergleichssubstanz gewählt, da es keinen Therapiestandard für alte VHF-Patienten mit hohem Schlaganfall- und Blutungsrisiko gibt.1 In den bisher durchgeführten klinischen Studien mit oralen Antikoagulanzien lag das Durchschnittsalter der Teilnehmer zwischen 70 und 73 Jahren – und somit circa zehn Jahre unter dem Durchschnittsalter der aktuellen Untersuchung. Auch Acetylsalicylsäure erschien als Thrombozytenaggregationshemmer nicht geeignet, da der Wirkstoff keine effektive Schlaganfallprävention bei VHF-Patienten bietet.1

Fazit

Die vorliegende Studie zeigt für die Zukunft neue Chancen für eine effektive Schlaganfallprävention bei Hochrisiko-VHF-Patienten auf. Bei den Studienteilnehmern handelte es sich durchweg um Japaner, wodurch die Ergebnisse nicht direkt auf andere Populationen des nichtasiatischen Raumes übertragbar sind.1 Auch die Edoxaban-Zulassungsstudie ENGAGE AF-TIMI 48 zeigte gewisse Unterschiede zwischen der asiatischen und der nichtasiatischen Kohorte, wobei sich in der asiatischen Kohorte höhere Raten an Schlaganfällen, systemischen Embolien und Blutungen zeigten.1 Die in der ELDERCARE-AF angewendete Dosierung von 15 mg Edoxaban pro Tag liegt unter der zugelassenen Dosisreduktion auf 30 mg Wirkstoff täglich.1, 2 Weitere Studien sind nötig, um diese möglichen Anwendungsgebiete von Edoxaban zu untersuchen.

Quellen:

  1. Okumura K, Akao M, Yoshida T et al. Low-Dose Edoxaban in Very Elderly Patients with Atrial Fibrillation. N Engl J Med 2020; 383: 1735-1745. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32865374/.
  2. Fachinformation LIXIANA®, Daiichi Sankyo Europe GmbH, München. Stand Juni 2020.

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