Belastung im Beruf: Haben Ärzte ein erhöhtes Schlaganfallrisiko?

Laut einer aktuellen Studie ist eine langjährige Arbeitsdauer von mehr als zehn Stunden täglich mit einem bis zu 45 % erhöhten Schlaganfallrisiko assoziiert.1 Gerade Ärzte gehören aufgrund der hohen Arbeitsbelastung zur Risikogruppe.

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Das Wichtigste in Kürze:

  • Forscher untersuchten in einer Kohorte den Zusammenhang zwischen langen Arbeitszeiten (Arbeitstage mit mehr als zehn Arbeitsstunden täglich für mindestens 50 Tage im Jahr) über einen Zeitraum von mehreren Jahren und dem gehäuften Auftreten von Schlaganfällen.
  • Das Schlaganfallrisiko war bei Personen mit langen Arbeitszeiten im Mittel um 29 % erhöht.

Menschen mit einer hohen Arbeitsdauer über mindestens zehn Jahre hatten durchschnittlich ein um 45 % gesteigertes Risiko für einen Schlaganfall.

Hohe Arbeitsbelastung der Ärzte in Deutschland

Ärztinnen und Ärzte in Deutschland haben viel längere Arbeitstage als andere Berufsgruppen – und das war auch schon vor der Corona-Krise der Fall. Eine Sonderauswertung des Mikrozensus 2018 des Statistischen Bundesamts ergab, dass im Jahr 2018 knapp ein Drittel (32 %) der 445.000 Mediziner in Deutschland in der Regel mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiteten.2 Klinikärzte scheinen dabei besonders stark belastet zu sein. Laut MB-Monitor 20193 des Marburger Bundes arbeiten 41 % der Klinikärzte in Deutschland 49 bis 59 Stunden in der Woche – inklusive aller Dienste und Überstunden. Mehr als ein Fünftel (22 %) gibt an, 60 bis 80 Stunden pro Woche im Einsatz zu sein.3

Steigert eine hohe Arbeitsbelastung das Schlaganfallrisiko?

Anhand der französischen populationsbasierten Kohorte CONSTANCES beschäftigten sich Forscher mit folgender Frage: Weisen Menschen mit einer extrem hohen sowohl täglichen als auch langjährigen Arbeitsdauer ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall auf? Die Wissenschaftler definierten dabei lange Arbeitszeiten als mindestens 50 Tage pro Jahr, an denen die Studienteilnehmer mindestens zehn Stunden oder länger gearbeitet hatten.1

CONSTANCES-Studie: Epidemiologische Kohorte gibt Aufschluss

Die CONSTANCES-Kohorte – eine offene, epidemiologisch angelegte und populationsbasierte Studie – schloss ab dem Jahr 2012 Teilnehmer mit einem Alter von 18 bis einschließlich 69 Jahren ein. Für die aktuelle Analyse wurden Teilnehmer ausgesucht, die in einer Vollzeittätigkeit beschäftigt waren und bisher mindestens sechs Monate gearbeitet hatten. Betroffene, bei denen es im Zeitraum vor der Untersuchung zu einem Schlaganfall gekommen war, wurden von der Auswertung ausgeschlossen. Anhand von Fragebögen ermittelten die Forscher den Zeitraum, den die Probanden langen Arbeitszeiten ausgesetzt waren, und teilten die finalen 143.592 Teilnehmer folgenden verschiedenen Subgruppen zu:1

  • < 1 Jahr Arbeitsdauer (Kontrollgruppe)
  • 1 bis < 10 Jahre Arbeitsdauer (kurze Dauer der Exposition)
  • ≥ 10 Jahre Arbeitsdauer (lange Dauer der Exposition)

Die Ärzte führten im Vorfeld Gespräche mit den Teilnehmern und erstellten neben der Patientenanamnese auch ein individuelles, vaskuläres Risikoprofil. Der primäre Endpunkt der Analyse war das Auftreten eines Schlaganfalles, der von einem Arzt diagnostiziert werden konnte.

Ergebnisse bestätigen erhöhtes Schlaganfallrisiko

Von den finalen 143.592 in die Analyse aufgenommenen Studienteilnehmern1

  • trat bei 1.224 Betroffenen ein Schlaganfall auf (0,9 %),
  • berichteten 42.542 (29,6 %) über die Exposition von langen Arbeitszeiten und
  • waren 14.481 (10,1 %) über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren langen Arbeitszeiten ausgesetzt.

Studienteilnehmer, die die Definition der langen Arbeitszeiten erfüllten, hatten im Mittel ein um 29 % erhöhtes Risiko für das Auftreten eines Schlaganfalles. Bei denjenigen Teilnehmern, die langen Arbeitszeiten zehn Jahre oder länger ausgesetzt waren, war das Schlaganfallrisiko im Durchschnitt um 45 % erhöht.1 Die Forscher fanden zudem heraus, dass der Zusammenhang zwischen dem Arbeitspensum und dem Auftreten von Schlaganfällen bei Menschen unter 50 Jahren stärker ausgeprägt war.1

Wie hängen ein hohes Arbeitspensum und Apoplex zusammen?

Die Forscher konnten nicht nur zeigen, dass ein hohes Arbeitspensum mit einem gesteigerten Schlaganfallrisiko einhergeht. Es wurde auch deutlich, dass hierbei sowohl ein zeitlicher als auch ein dosisabhängiger Zusammenhang besteht: Je höher die Anzahl an Jahren war, die die Studienteilnehmer den langen Arbeitszeiten exponiert waren, desto häufiger trat ein Schlaganfall in der Kohorte auf.1 Welche Faktoren genau zur Erhöhung des Schlaganfallrisikos beitragen, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt und bedarf weiterer Studien. Jedoch könnten ungesunde Arbeitsbedingungen wie unregelmäßige Arbeitszeiten – inklusive Schicht- und Nachtarbeit – oder eine generell hohe Arbeitsbelastung mögliche Gründe sein.1 Gerade Ärzte weisen daher oft ein erhöhtes Risiko auf. Liegt zusätzlich ein vaskuläres Risikoprofil vor, wie beispielsweise bei Diabetes mellitus oder bei einer Hypertonie, sollten hinsichtlich der Arbeitsbelastung und des Arbeitspensums die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden.

Quellen:

  1. Fadel M, Sembajwe G, Gagliardi D et al. Association Between Reported Long Working Hours and History of Stroke in the CONSTANCES Cohort. Stroke 2019; 50: 1879-1882.
  2. Statistisches Bundesamt. Ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte arbeitete 2018 mehr als 48 Stunden pro Woche. Pressemitteilung Nr. N 019 vom 24. April 2020 (2020). Online verfügbar unter: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/04/PD20_N019_231.html (abgerufen am 09.10.2020).
  3. Marburger Bund. MB-Monitor 2019 Zusammenfassung der Ergebnisse (2020). Online verfügbar unter: https://www.marburger-bund.de/sites/default/files/files/2020-01/MB-Monitor%202019_Zusammenfassung_Ergebnisse.pdf (abgerufen am 09.10.2020).

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